Sozialer Wohnungsbau in München

 - Sozialer Wohnungsbau in München (3830701411)


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Vorwort

»Die hiesigen Privatkapitalisten«, so empörte sich Anfang 1918 der SPD-Magistratsrat und spätere Erste Bürgermeister (1919-1924) Eduard Schmid, »haben sich geradezu jammervoll verhalten im Hinblick auf die wichtige Sache, die hier in Frage kommt.« Der Münchner Kommunalpolitiker machte damit seinem Unmut über die geringen Einlagen Luft, welche die Münchner Banken- und Geschäftswelt bei der »Gemeinnützigen Wohnstättengesellschaft München m.b.H.« zu leisten bereit war: ganze 347500 Mark. So blieb der Stadt München nichts anderes übrig, als widerwillig 500000 Mark zum Stammkapital beizusteuern - und so konnte am 6. Mai 1918 im Sitzungssaal des Neuen Rathauses die Gesellschaft feierlich gegründet werden.
Obwohl die Anfänge der Diskussion über einen sozialen, sprich genossenschaftlichen Wohnungsbau bis 1848 zurückreichen, gehört die erst nach dem Ersten Weltkrieg gegründete GWG zu den ältesten kommunalen Wohnungsbaugesellschaften Deutschlands. Wie groß damals die Wohnungsnot war, zeigen die Statistiken über den Fehlbedarf, aber auch die übriggebliebenen niedrigen, dunklen und feuchten Herbergen in der Au und in Giesing, die man nicht nostalgisch verklären darf, wenn man sich die Lebensbedingungen der »kleinen Leute am Isarhang« realistisch vorstellen will.
Anders als die 1919 gegründete HEIMAG, die sich dem besser ausgestatteten Einfamilienhausbau gewidmet hat, und auch anders als die 1928 hinzugekommene GEWOFAG, die eher für »bürgerliche Sozialschichten« kommunalen Wohnungsbau betrieb, hat sich die GWG den Kleinhaussiedlungen verschrieben - zunächst übrigens als Baubetreuerin, etwa bei der zu Recht berühmten Arbeitersiedlung »Alte Haide« an der Ungererstraße, die 1918 bis 1929 nach den Plänen Theodor Fischers errichtet wurde.

Als die Nationalsozialisten die 1924 stillgelegte GWG 1935 wieder belebten, wurde die »Kleinhausbewegung« von der »Blut- und Boden-Ideologie« vereinnahmt: Nur die »rassisch wertvollsten Teile der Arbeiterschaft« sollten eine Siedlerstelle erhalten und dort in der »Scholle« verwurzelt werden, um »das Glück der deutschen Erde zu erfahren«. Gefolgsleute der Partei wurden bevorzugt. So entstanden die Reichskleinsiedlungen sowie später die Volkswohnanlagen in Berg am Laim (die spätere Maikäfersiedlung), Milbertshofen und am Harthof.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, der ein Trümmerfeld hinterließ, baute die GWG Wohnanlagen im Westen und im Osten der Stadt, in den 60er Jahren beteiligte sie sich am sozialen Wohnungsbau in den Neubauvierteln Fürstenried und Hasenbergl (später nur in geringem Umfang mit 363 Wohneinheiten am Projekt Neu-Perlach).

Eine bedeutsame Aufstockung erlebte der Wohnungsbestand der Gesellschaft 1973 durch die Übernahme städtischer Wohnungen in Laim, Moosach, Berg am Laim, in der Au und am Harthof, in Milbertshofen, Sendling, Giesing und Pasing.
Seither gehört sie mit fast 21 000 Wohneinheiten zu den größten Wohnungsgesellschaften in unserer Stadt: 5,6 Prozent der Münchner Mieter wohnen in einer GWG-Wohnung.
Obwohl München mit über 60000 Wohnungen, die allein seit dem neuerlichen Amtsantritt von OB Georg Kronawitter im Jahr 1984 bis heute errichtet wurden, »Deutscher Meister im Wohnungsbau« unter allen deutschen Städten ist, sind dem Neubau hier Grenzen gesetzt -aus Mangel an Flächen und aus finanziellen Gründen. Da wird es nicht mehr oft vorkommen, daß die GWG in einem Jahr über 1000 Wohnungen im Bau hat und 500 davon fertigstellt -wie es 1992 geschah!

Dafür wird eine andere Aufgabe immer mehr in den Vordergrund treten: Die Modernisierung des veralteten Bestandes. 1992 nahm sich der Aufsichtsrat vor, in den nächsten 15 Jahren über 7300 Wohnungen zu modernisieren - mit einem wahrhaft gigantischen Finanzaufwand. Wo die Bausubstanz nicht mehr erhalten werden kann, weil beispielsweise schlechtes Material verwendet wurde und die Statik gefährdet ist, gibt es auch bei bestem Willen zur Erhaltung preiswerten Wohnraums keine Alternative zu Abbruch und Neubau. Seit 1972 hat die GWG 1989 Wohneinheiten abgebrochen und an ihrer Stelle 2348 neue errichtet. Die Wohnfläche ist dabei von knapp 80000 m2 auf über 145000 m2 gestiegen.

Auch in der Maikäfersiedlung, deren gewachsene Struktur mit Busch- und Baumbestand den Bewohnern ans Herz gewachsen ist, ist in Teilbereichen der Abbruch nicht zu vermeiden. Diese »Stadtteilreparatur« muß aber in enger Abstimmung mit den Betroffenen erfolgen. Zum Glück kann die bisherige Zusammenarbeit zwischen der Mietergemeinschaft und der Geschäftsführung, dem Aufsichtsrat, den Architekten und den Planungsbehörden als vorbildlich bezeichnet werden.
Dieses Buch ist keine übliche Firmengeschichte - es ist weit mehr: Es stellt die Anfänge des sozialen Bauens ebenso vor wie die Wohnungsnot früherer Jahrzehnte, die stadtentwicklungs-politischen Probleme ebenso wie die verschiedenen architektonischen Konzepte, und es blendet die NS-Zeit in keiner Weise aus.
Ich wünsche ihm interessierte Leser.

Im Mai 1993

Christian Ude
Aufsichtsratsvorsitzender der GWG


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