Die Reichenau und ihre drei Kirchen


Autor:Ferchenbach Th.
ISBN:0000000076
Verlag:
Jahr:1980
Seiten:23
Sonstiges Bayern

Die Insel im Gnadensee ist heute noch ein blühender Garten. Die Mönche haben diesen Garten begonnen. Walahfried Strabo, Abt (838-849), bedeutendster frühmittelalterlicher Dichter, Freund der Natur schreibt in seinem Gartengedicht (Hortulus):

„Was für Land du besitzest, und wo es sieb finde,—
Nirgends weigert es sich, die ihm eignen Gewächse zu zeugen,
Wenn deine Pflege nur nicht ermattet in lähmender Trägheit,
Nicht sich gewöhnt zu verachten den vielfachen Reichtum des Gärtners
Törichterweise, und nur sich nicht scheut, die schwieligen Hände
Bräunen zu lassen in "Wetter und Wind und immer versäumet,
Mist zu verteilen aus vollen Körben im trockenen Erdreich.
Dies entdeckte mir nicht landläufiger Rede Erkenntnis
Und nicht allein Lektüre, die schöpft aus den Büchern der Alten:
Arbeit und eifrige Neigung vielmehr, die ich verzog der Muse,
Tag für Tag, haben dies mich gelehrt durch eigne Erfahrung."
(Hortulus Vers 4 und 10-18; Hans Dieter Stoffler)

Die Insel ist 430 Hektar groß. 280 Hektar sind Gemüseland - davon sind 30 Hektar unter Glas. 7 Hektar sind Rebland. Nahezu 1000 Regnerstellen verwandeln an trok-kenen Sommertagen die Reichenau in eine Insel der 1000 Springbrunnen. So haben die heutigen, fleißigen Gärtner das Werk der Mönche vollendet. Ein kostbarer, viel-farbener Teppich von Gemüsen, Früchten und Blumen bedeckt die Insel, erfreut das Auge und labt die Menschen.

Aber trotzdem - die Besucher, die mit dem Fährboot über den Gnadensee, mit dem Schiff über den Rheinsee, oder mit dem Auto über den „Philosophenweg" der Reichenau zustreben, suchen nicht die Gemüsemsel. Sie suchen die drei Kirchen: ST. GEORG zu Oberzell, das MARIENMüNSTER in Mittelzell und ST. PE-TERUND PAUL in Niederzell. Sie suchen die historische Stätte, die zur Zeit der Karolinger und Ottonen ein geistiger Vorort des Abendlandes und ein religiöser Mutterboden für unser Volk war. Sie suchen die Spuren der Söhne Benedikts, denen wir dieses großartige Werk verdanken, und durch das Herz vieler Besucher geht eine leise Enttäuschung darüber, daß keine Mönche mehr da sind. Das Münster ist heute Pfarrkirche. SINTLAZAU hieß das verträumte Eiland in uralter Zeit. Die Mönche nannten es im 8. Jahrhundert schlicht ,,augia" „OW". Daraus wurde im 11. Jahrhundert „Riehen OW" - Reichenau. In der „Visio Wettini" rühmt der oben schon zitierte Abt Walahfried seine augia mit folgenden Versen:

Wo von den Alpen herab sich ergießend der herrliche Rheinstrom
westwärts wendet den Lauf - wird er zum stattlichen Meere.
Mitten darin erhebt sich eine gewaltige Insel
Augia -wird sie genannt - ringsum ist Deutschland gelagert!
Aus ihr gingen hervor viel Scharen trefflicher Mönche.


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